Blitzdings: Warum entfesseltes Blitzen Sinn macht

(NIKON D3, 200 ISO, Blende 2.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Na, heute schon geblitzdingst worden?

Wer zum ersten Mal mit einem Blitz auf der Kamera fotografiert, ist schnell enttäuscht. Fotos sehen oft platt und „totgeblitzt“ aus. Mit ein paar kleinen Tricks lassen sich aber langweilige Portraits (ich rede vom Bildaufbau, nicht von den Abgebildeten *g*) in echte Hingucker verwandeln, indem wir ein wenig „mit Blitzlicht malen“ und dafür den Blitz entfesselt benutzen.

Mit entfesseltem Blitz: Portrait eines Wissenschaftlers (NIKON D3, 200 ISO, Blende 2.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Mit entfesseltem Blitz: Portrait eines Wissenschaftlers
(NIKON D3, 200 ISO, Blende 2.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Entfesselt? Häää?

Komischer Begriff. Klingt wie „Streift die Fesseln ab und begehret auf“. Gerade deshalb passt das aber ganz gut, denn wir wollen ja von dem starren Blitz auf der Kamera mit wenig Möglichkeiten weg, hin zu dem Blitzlicht dort und aus der Richtung, wie wir es wollen… ;-)

Wie man Blitze auslösen kann

Der große Vorteil von Systemblitzen ist  ihre Flexibilität. Dank Batterien brauchen sie keine Steckdose in der Nähe und können auch durch die geringe Größe an fast jedem Ort platziert werden. Bleibt jetzt nur noch, diese Blitze auszulösen, wenn sie nicht direkt mit der Kamera verbunden sind.

Dafür gibt es prinzipiell, je nach Kamerahersteller, vier Möglichkeiten:

1. Auslösung über den Blitz in der Kamera

Der integrierte Blitz der Kamera kann einen Systemblitz des selben Herstellers steuern. So braucht man im Zweifel tatsächlich nur einen Blitz kaufen und kann mit diesem schon entfesselt arbeiten. Bei Nikon gibt es zum Beispiel etliche Kameras im unteren Preissegment, mit denen man über einen speziellen Menüpunkt einen oder mehrere Blitze kontrollieren kann, sogar in mehrere Gruppen mit verschiedenen Einstellungen. Das funktioniert im TTL-Modus (also automatische Blitzregelung passend zum Bild) und manuell, auch beides gemischt.

Das Signal von der Kamera zum Blitz und zurück wird hier über kleine Lichtblitze ausgesendet. Das kann man in einem meiner ersten Videos von 2009 im Zeitlupentempo sehen.

2. Auslösung über Kabel

Ein Spiralkabel, das mit einem Ende auf den Blitzschuh der Kamera gesteckt wird und am anderen Ende eine Aufnahme für den Blitz hat, dient quasi als Verlängerung von der Kamera. Nachteil: Nur eine begrenzte Reichweite und natürlich muss der Blitz auch gehalten werden, wenn man nicht gerade ein Stativ nebenbei stehen hat. Allerdings macht das eigentlich keiner, weil man mit Stativ ja auch wieder unflexibel ist. Die Nummer mit dem Spiralkabel bietet sich eigentlich nur an, wenn man zum Beispiel auf einer Veranstaltung fotografiert und den Blitz von links ein Wenig entfernt von der Objektivachse hält, um Portraits in der Menge zu machen. Auch bei Makroaufnahmen macht das Sinn.

Ein Tipp dazu: Die Kamerahersteller bieten diese Verlängerungskabel für einen Haufen Geld an. Das ist es aber auch wert. Bedenkt die Kräfte, die beim Ziehen und Reißen auf Kabel und besonders die Endstücke wirken. Wer billigen Kram aus dem Ausland (Kabel mit 6m Länge aus Polen = 20 Euro) kauft, hat gute Chancen darauf, dass sich das Kabel schnell zerlegt. Ich weiß leider, wovon ich spreche. Also lieber das Original kaufen.

3. Auslösung über Fotozelle

Es gibt Blitze mit eingebauten Fotozellen. Nikon ist da ganz vorne dabei, denn die Blitze kommunizieren ja über diese Fotozellen. Im sogenannten „SU-4“-Modus, aktivierbar im Blitzmenü, lösen die Blitze aus, sobald sie ein anderes Blitzen wahrnehmen. Der Nachteil: Man muss die Blitzleistung manuell am Gerät einstellen, TTL-Automatik funktioniert nicht. Im schlimmsten Fall muss man also zu mehreren Blitzen immer wieder hinrennen, um sie richtig auszuregeln für ein Foto. Macht das mal, wenn der Portraitierte eh‘ schon keinen Bock auf’s Foto hat

Weiterer großer Nachteil: Jeder Hans und Franz löst mit seiner Pocketkamera samt integriertem Blitz EURE Blitze aus. Und wenn ihr sie braucht, sind sie leer ;-)

Kleine Anekdote: Ich dachte kurz nach dem Umstieg auf Nikon, ich sei ganz schlau und mache an einer Unfallstelle Fotos mit entfesselten Blitzen im „SU-4“-Modus. Und habe mich gewundert, dass die Dinger ständig losgingen. Kein Wunder, denn auch in den meisten Blaulichtern sind noch Halogen-Blitzröhren verbaut. Nur bei LED würde das funktionieren.

4. Auslösung per Funk

Eigentlich der sicherste Weg Blitze, die weiter weg stehen, auszulösen. Entfernungen bis zu 150 Meter sind durchaus möglich. Natürlich ist der Spaß nicht ganz günstig. Auf meiner Hilfeseite für Equipment habe ich euch aber ein paar Infos dazu aufgeschrieben.

Inzwischen gibt es sogar Funkauslöser, mit denen sich TTL übertragen lässt.

Warum eigentlich Blitzen, wenn Licht da ist?

Ich höre immer wieder genau diese Frage. Aber ich kann alle Hobbyfotografen beruhigen, selbst viele Pressekollegen haben den Sinn vom Blitzen bei Tageslicht oder hellem Umgebungslicht noch nicht verstanden. ;-)

Schaut euch mal dieses Foto an, das bei Umgebungslicht entstanden ist. Für eine Nachrichtenagentur sollte ich ein Portrait dieses Wissenschaftlers aufnehmen, der sich mit Geschichte und Büchern befasst hat. Meine Idee war, ihn durch ein paar Regale der Bibliothek hindurch aufzunehmen, um dem Bild einen Rahmen aus Büchern zu geben:

Ohne Blitzlicht, nur mit Umgebungslicht  (NIKON D3, 400 ISO, Blende 3.5, 1/60 Sek., bei 85mm)

Ohne Blitzlicht, nur mit Umgebungslicht
(NIKON D3, 400 ISO, Blende 3.5, 1/60 Sek., bei 85mm)

Leider leuchten Bücher aber nicht, und so ist sein Gesicht eine ganze Ecke dunkler als das Umgebungslicht, dafür sind seine Haare richtig schön hell, weil die Leuchtstoffröhren von der Decke senkrecht herunter schienen.

Würde man das Gesicht nun richtig belichten, sähe das Foto so aus:

Das Gesicht richtig belichtet - aber die Umgebung viel zu hell mit ausgefressenen Lichtern

Das Gesicht richtig belichtet – aber die Umgebung viel zu hell mit ausgefressenen Lichtern

Auch nicht gerade schön. Die hellen Stellen im Fotos sind total ausgefressen und überstrahlt. Dazu kommt, dass Leuchtstoffröhrenlicht generell Hauttöne nicht schön aussehen lässt.

Und da kommt unser entfesselter Blitz ins Spiel. Damals hatte ich meinen Schülerpraktikanten Sebastian Moock dabei, der einen SB-800 in einer kleinen faltbaren Softbox von Lastolite gehalten hat, um punktuell Licht auf den Kopf des Wissenschaftlers zu geben:

Sebastian mit dem SB-800 und der Lastolite Softbox (60x60cm)

Sebastian mit dem SB-800 und der Lastolite Softbox (60x60cm)

Damit hatte ich die Möglichkeit, das Umgebungslicht soweit herunterzuregeln, wie ich es für das Portrait haben wollte, und den Kopf so hell und aus einer bestimmten Richtung mit Blitzlicht anzustrahlen, wie es mir gefallen hat.

Ausgelöst habe ich den SB-800 über einen weiteren SB-800 auf der Nikon D3 – man kann die etwas größeren Blitze nämlich ebenfalls als Master benutzen und bis zu drei Gruppen einstellen. Gut, da die D3 keinen integrierten Blitz hat. Über den sogenannten „Master“ auf der D3 habe ich den Blitz, den Sebastian hielt, also manuell eingestellt.

Klarer Vorteil: Ich musste nicht ständig zwischen den Regalreihen hin- und herlaufen oder Sebastian zurufen, was er einstellen soll. Ich hatte alles mit einem Fingertip parat.

Der Aufbau in der Bibliothek. Ich bin der Lange links...

Der Aufbau in der Bibliothek. Ich bin der Lange links…

Und so sah das erste Ergebnis dann aus:

Erstes Ergebnis mit Blitz von rechts (NIKON D3, 400 ISO, Blende 3.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Erstes Ergebnis mit Blitz von rechts (NIKON D3, 400 ISO, Blende 3.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Ganz anders, oder?

Mir waren allerdings die Bücher im Vordergrund noch zu deutlich zu erkennen, weshalb ich die Blende weiter öffnete. Das bewirkt immer, dass der scharfe Bereich vor und hinter dem Portraitierten / Objekt kleiner wird.

Hier kommt ein kleiner Trick: Wenn man Blitze manuell eingestellt hat und nicht an den Blitzeinstellungen herumfummeln will, verändert man einfach die ISO-Empfindlichkeit entsprechend, um die veränderte Blende auszugleichen, durch die auch das eintreffende Blitzlicht beeinflusst wird.

In diesem Fall habe ich die ISO von 400 auf 200 heruntergestellt, dafür aber die Blende von 3,5 auf 2,5 weiter geöffnet (je kleiner die Zahl, desto größer die Öffnung, siehe auch hier!). Die Belichtungszeit blieb gleich.

Durch die kurze Belichtungszeit von einer 1/200 Sekunde habe ich das Umgebungslicht noch ein bisschen ausgeblendet, so dass der Blitz mit seinem Farbton die Farben des Umgebungsglichts auf dem Gesicht sozusagen „übermalt“ hat. Wenn dann der Weißabgleich der Kamera noch auf den Blitz ausgerichtet ist, erscheint alles was die Leuchtstoffröhren mit ihrem Licht treffen etwas bläulich.

Und so sah mein Endergebnis aus:

 (NIKON D3, 200 ISO, Blende 2.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

(NIKON D3, 200 ISO, Blende 2.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Kein Vergleich zum ersten Bild mit Umgebungslicht, oder?

Unser erstes Foto (NIKON D3, 400 ISO, Blende 3.5, 1/60 Sek., bei 85mm)

Ohne Blitzlicht, nur mit Umgebungslicht
(NIKON D3, 400 ISO, Blende 3.5, 1/60 Sek., bei 85mm)

Steht das Setup erstmal, kann mit mit entfesselten Blitzen wunderbar experimentieren. Denn die bleiben ja immer an der selben Stelle, auch wenn man sich selbst frei bewegt. So habe ich noch schnell ein „normales“ Portrait frontal aufgenommen:

(NIKON D3, 250 ISO, Blende 3.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

(NIKON D3, 250 ISO, Blende 3.5, 1/200 Sek., bei 85mm)

Sodele, das war’s schon wieder.

Ich hoffe, ihr konntet ein paar Anregungen mitnehmen. Fragen (oder auch mal ein „Danke Stefan für die Mühe“) wie immer gerne in den Kommentaren :-)

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8 Comments

  • Reply
    BenJaymin via Facebook
    15. Februar 2013 at 9:42

    Liest sich auf jeden Fall sehr Interesannt : )

    Was vll. für die Zukunft, für Einsteiger und Experiment-freudige, ganz nett wäre, wäre ein Kostenspiegel was das Equip kosten tut? = )

  • Reply
    Carsten Neff
    15. Februar 2013 at 9:55

    „Inzwischen gibt es auch Funkauslöser, mit denen sich TTL übertragen lässt. Und genau die habe ich auch für die folgenden Portraits benutzt.“ und „Ausgelöst habe ich den SB-800 über einen weiteren SB-800 auf der Nikon D3 – man kann die etwas größeren Blitze nämlich ebenfalls als Master benutzen und bis zu drei Gruppen einstellen.“ Stefan: Was denn nun? Löst das Nikon-System wirklich durch mit Büchern verstellten Regalen aus, wenn keine Blickverbindung zwischen Master und Slave besteht?

  • Reply
    via Facebook
    15. Februar 2013 at 10:11

    Nee, sorry. Irgendwo hat mein Aufwand seine Grenzen ;-) Über Preissuchmaschinen kann jeder im Internet sein Traumequipment nachsehen…

  • Reply
    Katja via Facebook
    15. Februar 2013 at 13:59

    super gut beschrieben!ich lese ja nicht soooo gerne, aber deinen „Bericht“ kann man schön locker lesen, denn es wird so erklärt das OttoNormalo und der „Knipser“ auf dem Weg zum Ftografierer alles versteht und nachvollziehen kann!

  • Reply
    Katja via Facebook
    15. Februar 2013 at 14:02

    ich selber tu mich da noch schwer mit dem Blitzen, weil ich im Kopf die Bilder nicht fertig habe ( schätze ich)und wenn denn das Licht endlich so ist dann muss das „OpferModel“ echt Ausdauer haben! Habe mal bei nem Studio Shooting zugesehen, da ging alles Ratzfatz, da konnte das Model gar keinen Lustverlust bekommen! mit meinem Freund zusammen haben wir 3 Speedlights 2×700, 1×900…also Möglichkeiten sind da ;-) und ich musste schmunzeln, denn auch ich habe mir schon diese günstigen 6m Kabel angesehen und war am Überlegen! Oft kauft man billig 2 Mal, aber bei Kabeln hätte ich das nun nicht gedacht *lach*

  • Reply
    via Facebook
    15. Februar 2013 at 14:06

    Einen Profi unterscheidet vom Amateur nur, dass er vorher weiß, was er wie einstellen muss. Insofern – fleißig üben und eingewöhnen ;-)

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