Glaube keinem Foto, wenn du es nicht selbst gemacht hast!

Längere Belichtungszeit: Die heraus züngelnden Flammen "überlagern" sich durch die längere Belichtung und das Feuer wirkt so gleich größer

Dramatik kennt zur Zeit wieder mal keine Grenzen: Während sich der Wirbelsturm Sandy an der amerikanischen Ostküste entlang schiebt und das Meer ins Landesinnere treibt, wird das Netz von vielen dramatischen Bildern potentieller Augenzeugen geflutet (sic!).

Nun ist das Problem mit solchen Fotos allerdings, dass die Herkunft oft nicht genau nachgeprüft werden kann. Und selbst, wenn der Ort zweifelsfrei identifizierbar ist, muss es noch nicht bedeuten, dass das Foto ohne Photoshop dahergekommen ist oder tatsächlich auch zum Zeitpunkt des Sturms aufgenommen wurde.

Gute Beispiele hierfür findet ihr in dieser Zusammenstellung!

Dieser unseriöse Beigeschmack ist dann auch der Hauptgrund, warum solche „Augenzeugenfotos“ von Nachrichtenredaktionen eigentlich nur sehr, sehr selten genutzt werden und dort lieber auf das Material von Fotoagenturen zurückgegriffen wird.

Doch kann man da dann auch sicher sein, dass dort wirklich das gewesen ist, was man sieht? Klares NEIN!

Deshalb möchte ich euch heute mal ein paar Beispiele zeigen, wie durch unterschiedliche Belichtungen, Blenden oder auch Perspektiven ein Bild plötzlich ganz anders aussieht und auch im „normalen“ Journalismus manipuliert wird / werden kann.

Jedes Foto zeigt nur den Teil der Wahrheit, den uns der Fotograf sehen lassen will!

Letztlich ist nämlich jedes Foto eine manipulierte Abbildung der Realität – und auch Fotojournalisten versuchen natürlich, ihren Bildern mit den kameraeigenen Mitteln einen bestimmten Look und eine meinungsbildende Richtung zu geben. Was dramatisch ist, wird besser verkauft und gedruckt als ein langweiliges Foto.

Nehmen wir einfach mal den Himmel über Hannover, der am Freitag eigentlich ganz nett aussah. Also eigentlich ZU nett, um damit irgendjemanden vom Hocker zu hauen. Wie kann man diesen Glücksbärchi-Himmel nun fieser aussehen lassen? Ganz einfach – indem man „nur“ dramatisch manuell unterbelichtet, bekommt selbst der sturmlose Himmel über Hannover einen bedrohlichen Look:

Krass unterbelichtet sah der Himmel am Freitag über Hannover ganz schön bedrohlich aus

Krass unterbelichtet sah der Himmel am Freitag über Hannover ganz schön bedrohlich aus

Doch mit der richtigen Belichtung relativiert sich das ganze doch schnell wieder...

Doch mit der richtigen Belichtung relativiert sich das ganze doch schnell wieder…

Schick, oder?

Aber….dürfen die das denn?

Definiere „das“… ;-)

Klar, fotojournalistische Bilder dürfen generell nicht manipuliert werden.

Rein vom Technischen gibt es dabei die Vorgabe / den Codex, Bilder nicht per Photoshop (oder anderen Bildbearbeitungs-Programmen) zu bearbeiten, verfremden oder zu verfälschen und bei der Nutzung von technischen Hilfsmittlen wie z.B. farbigen Blitzen, Fisheye-Linsen oder Verlaufsfiltern dieses auch mit in der Bildbeschreibung anzugeben (ob es dann in der Fotozeile der Zeitung oder im Internet mit geschrieben wird, ist dann Sache des Veröffentlichers).

Aber da gibt es ja noch die Bildgestaltung – und ich spreche nicht vom Wegschneiden von Bildinhalten, denn auch das wäre nachträglich eine verpönte Manipulation, wenn sie plötzlich dem Bild einen anderen Tenor gäbe (man stelle sich vor, bei einem Foto, auf dem ein Demonstrant versucht auf einen Polizisten einzustechen, und der dem Demonstranten deshalb den Knüppel über die Rübe zieht, würde man den Arm mit dem Messer einfach rauscroppen…)

Nein, ich rede von der Aufnahme selbst! Man kann zehn Fotografen nebeinander stellen – und doch wird jeder irgendwie ein anderes Bild mitbringen. Und warum? Weil jeder von ihnen eine andere Belichtungszeit, eine andere Aufnahmehöhe oder eine andere Brennweite benutzen würde, um die Wahrheit so zu zeigen, wie er sie sieht. Oder sie ein bisschen zu dramatisieren oder zu entschärfen.

Schon alleine dadurch widerlegt sich für mich der Spruch, dass jedes Foto die Wirklichkeit zeigt. Nein – sie zeigt nur die Wirklichkeit des jeweiligen Fotografen!

Dramatisierung durch Belichtungszeiten, Blenden und Perspektiven

Nehmen wir einfach mal Bilder von Bränden. Während meiner Arbeit als Polizeireporter war es Standard, dass man solche Bilder länger belichtet, damit die Flammen mehr Raum ausfüllen, der Rauch leuchtend orange wird und den Eindruck des Feuers noch verstärkt.

Feuer im Juni 2007 in Garbsen-Berenbostel

Feuer im Juni 2007 in Garbsen-Berenbostel

Ganz ehrlich, das sieht doch gleich viel massiver aus, oder? Wenn ihr also in Zukunft Bilder von Bränden seht solltet ihr nicht denken: „Wow, was für ein krasses Feuer“, sondern „Wow, was für ein krasses Foto“ ;-)

Hier noch ein weiteres Beispiel, wie man mit dem geschickten Einsatz von Belichtungszeiten eine Bilddramatik verändern kann:

Kurze Belichtungszeit: Die Flammen schlagen sichtbar kurz in den Himmel, züngeln regelrecht aus dem Auto

Kurze Belichtungszeit: Die Flammen schlagen sichtbar kurz empor, züngeln regelrecht aus dem Auto

Längere Belichtungszeit: Die heraus züngelnden Flammen

Längere Belichtungszeit: Die lodernden Flammen „überlagern“ sich durch die längere Belichtung und das Feuer wirkt so gleich größer!

Manchmal braucht man auch eine längere Belichtungszeit, um überhaupt Feuer auf einem Bild erkennen oder hervorheben zu können. Bei diesem Wohnungsbrand habe ich 1/8 Sekunde belichtet, um dem Licht des Feuers mehr Zeit zu geben, bis zu meiner Linse zu kommen (klingt verrückt, ich weiß). Denn selbst bei ISO 4000 waren die Flammen noch zu dunkel, um wirklich dramatisch zu wirken. So wirkt es auf den ersten Blick, als stehe die Wohnung in Vollbrand und die Flammen schlügen aus der Fensteröffnung.

Übrigens ist es immer schlecht, an so einem Einsatzort mit Stativ im Weg zu stehen. Deshalb habe ich meine Kamera fest gegen einen Baum gepresst und dann per Serienbildmodus fünf-sechs Aufnahmen mit der Belichtungszeit von 1/8 Sekunde aufgenommen, von denen dann auch zwei-drei zu gebrauchen waren (meist sind das die mittleren der Serie, denn beim Auslösen und wieder Loslassen verwackelt man erfahrungsgemäß das Bild).

Verzerrung der Wahrheit?

Verzerrung der Wahrheit?

Und weiter geht es: Das folgende Bild sieht ja nicht sehr dramatisch aus – obwohl die Feuerwehr aufgrund der Hochspannung an der Bahnstrecke und der Kälte doch längere Zeit zu tun hatte um diesen Trafobrand zu löschen, wenn ich mich recht erinnere.

Doch als das Pulver zum Löschen eingesetzt wurde, habe ich genau die paar Millisekunden per Serienbildmodus eingefangen, in denen das Feuer noch die Löschmittelwolke aufhellte – bevor es vom Pulver erstickt worden war. Und schon sieht das Foto gleich viel dramatischer aus.

Na? Habe ich euren Glauben in „echte“ Fotos erschüttert?

Es ist tatsächlich so, dass man als Fotojournalist Dinge in bestimmter Weise in Szene setzen oder den richtigen Moment abwarten muss, um ein Bild zu bekommen, das dann auch brauchbar ist. Moralapostelei hin oder her – ein gutes Bild ist letztlich auch das, was gekauft und gedruckt wird!

Wenn wir Tacheless reden, wäre das Foto vom Wohnungsbrand oben ohne die Flammen in einer Zeitung eher nicht gedruckt worden, sondern durch eine Meldung ohne Foto ersetzt worden. Warum? Na, hättet ihr als Leser denn so ein Foto spannend gefunden (bin ganz wild auf eure Meinungen!)?

Feature mich!

Oft genug haben Fotojournalisten aber tatsächlich auch einen echt harten Job: In kurzer Zeit aus „Scheiße“ das berühmte „Gold“ zu extrahieren.

Besonders die Ansage „Mach mal Featurefotos“ ist ein Satz, der einem bei bestimmten Motiven einfach nur die Tränen in die Augen treibt weil man halt weiß, dass es mit dem bloßen Ablichten nicht getan ist. Nein, das Bild muss auch noch einen bestimmten Ausdruck oder eine Meinung transportieren, also etwas suggerieren. Das kann man als Herausforderung sehen, empfindet es aber meistens eher als lästig. Denn man fotografiert nicht etwas, das aktuell geschieht, sondern muss sich etwas quasi aus den Fingern saugen. Und oft muss man auch noch (anders als ein Hobbyfotograf) Dinge fotografieren, die einem keinen Spaß machen oder zu denen man überhaupt keinen Bezug hat.

Das macht man meist, in dem man jemanden etwas machen lässt, was er sonst in dem Moment ohne den Fotografen nicht getan hätte. Das wird dann auch in den Captions mit erläutert (muss, sonst gibt es ziemlichen Ärger).

Als Beispiel: „Landwirt Heinz F. führt am Dienstag (30.10.12) in Ponystadt ein einäugiges Fohlen für eine Fotoillustration über eine Wiese auf seinem Bauernhof“

Die Sache mit der Perspektive und den Objektiven

Eine andere Möglichkeit der Einflußnahme auf Bildwirkung und -ausdruck ist die Verwendung unterschiedlicher Perspektiven und Brennweiten. Im folgenden Beispiel habe ich das Kernkraftwerk Grohnde für eine Nachrichtenagentur „ge-featured“. Doch dieses Bild mit dem AKW vor dem Acker sah irgendwie …sche**ße… und langweilig aus:

Deshalb habe ich mir eine Pfütze gesucht, um eine Spiegelung zu erhalten. Dazu die Kamera auf das Einbeinstativ, verkehrtherum über das Wasser gehalten und mit einem Weitwinkel fotografiert. Ausgelöst mit einem Kabelauslöser.

Et voilá:

Und schon hatte ich eine komplett andere Bildwirkung nur durch die Wasseroberfläche, die durch Weitwinkel und Position direkt über der Oberfläche wie ein Fluss aussah…

Meine Caption zu diesem Bild lautete dann allerdings auch wahrheitsgemäß:

Das Foto zeigt das Atomkraftwerk Grohnde des Energiekonzerns EON nahe der Ortschaft Emmerthal (Landkreis Hameln-Pyrmont) an der Weser, aufgenommen am Mittwoch (15.09.10), das sich in einer grossen Wasserlache auf einem Feldweg spiegelt.

Und hier zu guter letzt noch ein paar weitere Beispiele, wie ich das AKW Grohnde durch verschiedene Positionen, Uhrzeiten, Belichtungszeiten und Objektive schließlich noch anders in Szene gesetzt habe.

Danke für eure Zeit! Ich hoffe, dieser Artikel war nicht zu wirr und hat euch einen kleinen Einblick gegeben.

Und nun freue ich mich über Anregungen und eure Meinungen zum Thema! :-)

Goldene Stunde, Stativ, Nikon D3 mit 24-70mm 2.8 @48mm, Blende 13, Belichtung 0,8 Sek., ISO 100

Goldene Stunde, Stativ, Nikon D3 mit 24-70mm 2.8 @48mm, Blende 13, Belichtung 0,8 Sek., ISO 100

Blaue Stunde, Stativ, Nikon D3 mit 14-24mm 2.8 @14mm, Blende 9, Belichtung 5 Sek., ISO 800

Blaue Stunde, Stativ, Nikon D3 mit 14-24mm 2.8 @14mm, Blende 9, Belichtung 5 Sek., ISO 800

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6 Comments

  • Reply
    BenJaymin via Facebook
    30. Oktober 2012 at 19:10

    Sehr schick.. DASS sind genau die Art von Grundlagen die Ich damals meinte ; D

  • Reply
    via Facebook
    30. Oktober 2012 at 20:39

    Wie/wann, damals?

  • Reply
    Thomas
    2. November 2012 at 0:31

    Hallo! Vielen Dank für den Blogbeitrag, sehr interessantes Thema. Mich würde interessieren, welche „Bildbearbeitungen“ bei Zeitungen/Nachrichtenagenturen so erlaubt sind. Helligkeit und Kontrast? Rauschentfernung in Adobe LR? Drehen/Bildausschnitt wählen, Farbwertkorrektur?

    Passend zum Thema: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelblog/zweifel-an-echtheit-von-syrienfotos-im-spiegel-a-864359.html

    Freundliche Grüße!

    • Reply
      Stefan Simonsen
      2. November 2012 at 12:33

      Hallo Thomas,

      bei Nachrichtenagenturen gilt nach meiner Erfahrung für die Nachbearbeitung ein wesentlich höherer Anspruch was Authentizität angeht. Deswegen dürfen Agenturfotografen auch nur minimale Änderungen an z.B. Sättigung, Helligkeit und Tonwerten vornehmen. Zumindest so, dass eine meinungsbildende Veränderung nicht stattfindet.

      Mir ist ein Beispiel bekannt, in dem ein Agenturfotograf bei einem Papstbesuch per Pinsel in Photoshop die Menge, die sich um das Papamobil versammelt hatte, deutlich abgedunkelt hat, so dass der Pope noch mehr herausstach. Das Bild wurde nicht auf den Draht gegeben und dem Kollegen auf die Finger gehauen. Und das ist ja auch gut so.

      Bei Agenturfotografen ist es auch deshalb so enorm wichtig, weil natürlich auch oft andere Fotografen bei großen Ereignissen genau die selben Motive fotografieren. Und ein geübter Betrachter kann da doch schnell erkennen, was wie stark nachbearbeitet wurde. Letztlich leben Agenturen durch ihren Ruf – ist der Ruf durch Manipulationen erstmal hin, dauert es sehr lange bis die Reputation wieder positiv ist. Aber ein Nachgeschmack bleibt bei so was immer…

      Bei Zeitungen entscheidet das jede Redaktion für sich. Agenturbilder werden meist nicht nachbearbeitet (meine Erfahrung), aber die Bilder von eigenen Fotografen werden oft noch, zumindest bei Zeitungen die eine Fotoredaktion haben, „angefasst“. Das liegt auch daran, dass viele Fotografen immer noch nur ihre Speicherkarten in der Redaktion auf dem Redaktionsrechner leeren und die Bilder nicht selber aussuchen sondern ausgesucht wird. Da Photoshop-Lizenzen Geld kosten gibt es leider auch noch genug Redaktionen, die ihren Fotografen für die Bildbearbeitung (Sättigung, Helligkeit, Beschneiden) tatsächlich entweder keine Programme zur Verfügung stellen oder völlig veraltete Versionen (PS 7.0 ist da keine Seltenheit, leider). Und von den meist nicht kalibrierten Billigmonitoren müssen wir nicht reden…

      Ich habe übrigens auch schon bemerkt, dass das gleiche Agenturbild bei Zeitungen unterschiedlich, wie nachbearbeitet, aussah (siehe hier oben links und unten rechts die Titelseiten)… Bei diesem Beispiel könnte es sich auch um das gleiche Motiv, nur zeitlich auseinander handeln. Das kann ich leider nicht nachvollziehen. Auffällig ist es schon, zumal die Fotos vom Winkel her identisch sind…

      Ich hoffe, das hat dir erstmal geholfen!

  • Reply
    Thomas
    2. November 2012 at 13:14

    Vielen Dank für die ausführliche und schnelle Antwort! Dann geht es wohl hauptsächlich um inhaltsverändernde Bearbeitungen, die bei Agenturen nicht erlaubt sind. Gut so! Auch, dass man nicht einfach ein „Model“ irgendwo hinsetzen kann und das als „Realität“ verkaufen kann, finde ich richtig.

  • Reply
    Ein nasses LKW-Shooting (mit kurzem Video) – blog.simonsen.photo – Stefan Simonsens Fotografie-Blog
    14. September 2015 at 13:45

    […] (Über die Wirkung verschiedener Brennweiten und Perspektiven habe ich inzwischen schon einiges geschrieben. Wenn Du mehr darüber lesen möchtest, kannst du das zum Beispiel hier oder hier tun…) […]

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